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Schwangersein im Lockdown



Vor ein paar Tagen bin ich in unserer Ortschaft an einem Haus vorbeigegangen, vor welchem als Weihnachtsdeko ein aus Draht und Heu gebautes Rentier steht. Letztes Jahr schon sind wir abends ein paar Mal durch unser kleines Dorf (bestehend aus 76 Häusern) mit unserer damals zweieinhalbjährigen Tochter spaziert und haben die Weihnachtsbeleuchtungen bestaunt. Mir war extrem übel, aber die frische Luft hat gutgetan. Ich war seit ein paar Wochen mit unserer zweiten Tochter schwanger und das Land befand sich mal wieder im Lockdown.
Als ich besagtes Rentier eben kürzlich wieder gesehen hab, war ich richtig schockiert: “Was?! Das ist schon wieder ein Jahr her???”
Und ich fing an, über all die Dinge und Begebenheiten aus dieser Zeit nachzudenken.

Außerdem hat mich ein Bericht in den Nachrichten eines (viel zu) beliebten Radiosenders derart in Rage gebracht, dass ich nun beschlossen hab, über meine Perspektive und Erfahrungen aus dieser Zeit zu schreiben.

Aber der Reihe nach:

Mit einem Kleinkind zu Hause schwanger zu sein, ist wahnsinnig anstrengend. 

Noch dazu, wenn man ständig das Gefühl hat, sich jeden Moment übergeben zu müssen…
In der ersten Schwangerschaft hab ich mich einfach ein paar Mal am Tag auf die Couch gelegt, mir ständig kleine Snacks gemacht, die ich halbwegs ertragen konnte, bin jeden Tag zwischen drei und fünf Kilometer bergauf und -ab spaziert und hab mich einfach von meinen Bedürfnissen leiten lassen.

Zweite Schwangerschaft: Mittagsschläfchen? Mit viiiiiel Glück konnte ich mich ausrasten, während “die Große” geschlafen hat.

Spaziergänge und gesunde Snacks? Ha! Mit einem Kleinkind tritt man ja eher auf der Stelle oder rennt wie eine Irre hinterher und gegessen wird einfach nur alles, was irgendwie im Magen bleiben könnte.
Es war also prinzipiell herausfordernd. Aber natürlich kamen noch all die Auflagen hinzu, die dieses Erlebnis “gedämpft” haben:
Die meisten Termine bei meiner Frauenärztin hab ich alleine absolviert. Denn irgendwann galt nicht nur Masken-, sondern auch Testpflicht für Begleitpersonen.
Beim ersten Kind waren mein Mann und ich jedesmal ganz gespannt, was man denn diesmal am Ultraschall erkennen würde. Immerhin hatten wir das Glück, zumindest einmal diese Erfahrung gemacht zu haben.
Als ich ein Organscreening durchführen ließ, saß eine andere werdende Mutter mit mir im Wartezimmer, die von der Ordinationsgehilfin nochmal den Hinweis bekam “Zum nächsten Termin bitte auch alleine und ohne Partner kommen”. 
Und ihr “Ja, ich weiß. Das ist so schade!” klang wirklich schmerzlich und bedrückt.

Mental und psychisch war die letzte Schwangerschaft schon alleine deshalb recht hart, weil jeder so abgeschottet war. 

Es war zwar auch angenehm, dass ich keine Termine hatte, zu denen ich mich irgendwie schleppen hätte müssen (oh, wieviele Zoom-Meetings hab ich mit einer Schüssel griffbereit neben mir verbracht! Und immer der Gedanke “Wenn’st speiben musst, vergiss bloß nicht, die Kamera und das Mikro auszuschalten!”) Aber ich hab z.B. meine beste, langjährigste Freundin in dieser Zeit kein einziges Mal gesehen!

Dabei hatte ich nicht mehr Angst vor Infektionen als sonst. (Also: wenig!)
Unvergessen die Influenza, die meinen Mann während meiner ersten Schwangerschaft im Winter 2017/2018 für mehrere Tage mit hohem Fieber niedergerungen hat. Damals durfte er nicht mal selber die Fernbedienung anfassen, weil ich so GAR KEINE Lust auf eine Ansteckung hatte!

Und dann war der vergangene Winter ja elendslang! So kalt, grau, stürmisch  und ungemütlich bis in den Mai hinein. Bewegung an der frischen Luft hilft ja immer, den Kopf frei zu kriegen und die Stimmung zu heben - aber es war meistens so grauslich, dass selbst ich als “Es gibt kein schlechtes Wetter”-Verfechterin oft schon nach einer halben Stunde wieder vor den warmen Kamin wollte. (Das kann aber auch daran liegen, dass ich bei beiden meiner Schwangerschaften sehr temperatursensibel war - also nix mit Hitzewallungen oder so!)

Kleine Ausflüge haben mir hier sehr geholfen. Ein Nachmittag in der Wiener Innenstadt, wo das Kleinkind in der Fußgängerzone herumlaufen und wir als Eltern einen Demel “Kaiserschmarr’n to go” essen konnten, war ein richtig spektakuläres Abenteuer!
Daheim herumzuhocken und in so einen “Jeder Tag gleicht dem anderen”-Strudel gezogen zu werden, hat mir definitiv nicht gutgetan.
Allerdings hab ich auch immer Unterstützung gebraucht, denn beim zweiten Kind ist der Bauch tatsächlich viel früher da und wird definitiv auch größer. Damit macht er natürlich alles doppelt so beschwerlich.

Was wir im Frühjahr sehr genossen und gern genutzt haben, waren die Angebote so mancher Gaststätten und (Hauben-)Lokale, die Picknick-Körbe angeboten haben.
Und dass Abholoptionen nun ganz einfach dazugehören, finde ich sogar eine total positive Entwicklung. Denn mit kleinen Kindern kann man eh NIE entspannt in einem Lokal essen und als mir ständig flau war (fast 5 Monate lang), fand ich es auch deutlich angenehmer, daheim grüngesichtig  in meinem Teller zu stochern, als in einem Raum voller fremder Menschen. (Hat noch jemand das Gefühl, dass Räume voller Menschen jeden unangenehmen Zustand NOCH miserabler machen?)

Anfang Mai hatte unsere Tochter dann mal an einem Samstagabend leicht erhöhte Temperatur. Sie war nicht kränklich, hatte nicht mal eine laufende Nase, aber beim Anfassen fühlte sie sich wärmer als sonst an.
Weil im Kindergarten die COVID-Sicherheitsmaßnahmen recht streng waren, haben wir Montagmorgen einen Heim-Schnelltest bei uns allen durchgeführt. 
Der von Charlotte war positiv.
Meine Reaktion: „Das ist sicher nicht korrekt. Machen wir noch einen!“
Also Test eines anderen Herstellers verwendet - aber selbes Ergebnis.
Ab da ist die ganze Maschinerie gelaufen: Gesundheitshotline,  Bezirkshauptmannschaft und PCR-Testung der ganzen Familie (sind ins Haus gekommen und haben beim Kind einen Wangenabstrich gemacht) und nachdem wir dann alle 3 ein positives Ergebnis erhielten (man bedenke: die Schnelltests von meinem Mann und mir waren zuvor negativ und wir hatten zu diesem Zeitpunkt auch keine Symptome) hieß es: “Ab in die Quarantäne!”

Unserer Tochter war ganz und gar nichts mehr anzumerken, aber mein Mann und ich fühlten uns sehr bald schon schlichtweg krank: erhöhte Temperatur, etwas Gliederschmerzen, Müdigkeit, laufende Nase, leichter Husten und weniger Appetit.

Ich war zu diesem Zeitpunkt im 7. Monat schwanger und hätten wir kein Kleinkind zu betreuen gehabt, hätte ich mich wohl 2 Tage ins Bett verkrochen und mehrere Netflix-Marathons durchgezogen.
Aber in der Quarantäne war’s halt nix mit externer Kinderbetreuung und so mussten wir Eltern uns mit Ruhestunden abwechseln (“Jetzt schlaf ich und dann bist du dran”) und Charlotte durfte überdurchschnittlich viel fernsehen.

Natürlich haben wir auf all unsere Tools zur Unterstützung des Immunsystems zurückgegriffen, uns von meiner Mutter Hühnersuppe kochen und vor die Tür stellen lassen und auch möglichst viel Zeit im Garten verbracht. 
(Ich bin auch viel barfuß im Garten gelaufen, denn “Erdung” ist kein esoterischer Blödsinn, sondern eine der am schwersten vernachlässigten Grundbedürfnisse.)

Was ich in dieser Zeit nicht hatte: Angst.
Ich wusste, dass die Daten in unserem Fall FÜR eine problemlose Genesung sprachen - und meine Symptome haben das bestätigt.
Und schon seit Jahren (laaaaange vor Corona!) diskutiere ich gerne über die Auswirkungen des mentalen Zustands auf unsere Gesundheit. Denn, wer immer noch glaubt, dass Ängstlichkeit und Stress sich nicht negativ auf unsere Körperprozesse auswirken, der glaubt wohl auch, dass unter “Natur” der kunstgedüngte, pestizidbehandelte Grünstreifen vor dem Reihenhaus zu verstehen ist…

Okay. Jetzt komm ich schon langsam in Fahrt, denn das bringt mich zur eingangs beschriebenen Wut:
Momentan wird medial extrem intensiv verbreitet, dass Schwangere ja ein sooooviel höheres Risiko eines schweren Verlaufs hätten und es in 15% der Fällen zu Hospitalisierungen kommt.
(Immer mit dem möglichst schnell und leise genuschelten Beisatz “Meistens verläuft die Infektion problemlos”, dann ein lautes “ABER!”)
Hier fehlt mir ein ganz wichtiger Hinweis: Hospitalisierung bedeutet nicht immer furchtbar schlimmer Verlauf. Besonders bei Schwangeren wird bei fast allen Erkrankungen schnell mal ein Spitalsaufenthalt empfohlen, weil viele Ärzte damit auf Nummer sicher gehen wollen. Und es gibt nicht wenige PatientInnen, auf die allein das Wissen, von medizinischem Personal (und nicht vom überforderten Partner) umgeben zu sein, sehr beruhigend wirkt.

Während meiner eigenen Infektion war ich überrascht, wieviele Freunde und Verwandte extrem besorgt und dann fast schon überrascht waren, als ich absolute Entwarnung geben konnte: “Mir geht es nicht so schlecht - krank halt!”
Wie wäre mein Verlauf wohl gewesen, hätte ich die Überzeugung gehabt, dass ich als Schwangere eine Hochrisikopatientin gewesen wäre? Wie hätte ich jedes noch so kleine Symptom interpretiert? Was hätte das mit meinem Blutdruck und der Immunantwort meines Körpers gemacht?
Wäre wohl nicht so optimal gewesen.

Und was passiert derzeit? Statt den Frauen mit den Zahlen und Fakten, die dafür sprechen, dass sie das sehr gut überstehen können, Beruhigung und Sicherheit zu vermitteln, wird Panik-Propaganda betrieben.

Was macht diese Angst? Na, megaviel Stress natürlich!
Und was macht Stress? Er erhöht die Frühgeburtenrate!

Da züchtet man sich doch selbsterfüllende Prophezeiungen heran, indem man Schwangere in Sorge versetzt, sie könnten eine Frühgeburt erleiden, statt ihnen besonnen zur Seite zu stehen.
Meine eigene Frauenärztin hat mich übrigens gleich zu Beginn meiner Schwangerschaft wissen lassen, dass sie schon einige Patientinnen hatte, die sich mit COVID-19 infiziert hatten und es “keine große Sache war”. Ich bin sehr dankbar, dass sie so ehrlich und entspannt war.

Gibt es schwere Verläufe, die intensive medizinische Betreuung dringend brauchen?
Na, ganz bestimmt! Genauso, wie auch in anderen Bevölkerungsgruppen.
Rechtfertigt das, schwangere Frauen, die oft ohnehin schon von Sorgen geplagt sind (Entwickelt sich das Kind gesund? Wie wird die Geburt?) noch ZUSÄTZLICH mit unreflektierten Statistiken zu belasten?
Und das gaaaaanz zufällig in einer Phase, in der (noch!) die medizinische Freiheit von Schwangeren gewahrt und sie vom Impfzwang ausgenommen werden…

Könnte ich meinen Appell und meine persönlichen Ratschläge zusammenfassen, dann würde das so ausschauen:

  • Trotz Lockdown NICHT auf’s Leben verzichten. Die schönen und auch schwierigen Momente finden JETZT statt und sie kommen nie wieder.

  • Raus, raus, raus! Frische Luft pustet Hirn und Herz frei.

  • Am besten gar keine Nachrichten schaun, keine Zeitung lesen und darauf vertrauen, dass wichtige Informationen schon irgendwie
    zu einem durchdringen werden. Denn: wer hat sich nach dem Lesen einer Zeitung schon jemals besser gefühlt, als davor?

  • Entspannt zu sein, hat oberste Priorität! Es ist daher wichtig, sich mit Leuten zu umgeben, die diese Ansicht teilen und einem
     unterstützend zur Seite stehen. Das sollte man auch bei der Auswahl der behandelten ÄrztInnen und Hebammen bedenken. Da wäre es für MICH ein absolutes
    No-Go, wenn da eine Person darunter wäre, die ständig auf Worst-Case-Szenarien hinweist.

  • Das Kino nach Hause verlegen: einen Film (Komödien finde ich am passendsten, denn Lachen ist immer gut!) streamen und
    selbstgemachtes Popcorn knabbern.

  • Essen vom Restaurant abholen oder liefern lassen. Man kann auch daheim Kerzen anzünden und den Tisch schön decken und
    braucht dafür keine G-Nachweise welcher Art auch immer. (Außer vielleicht: G’schmackig! Haha!)

  • Kontakt zu wichtigen Freunden und Familienmitgliedern bloß nicht abreißen lassen. Wer will, kann ja testen oder sich ausschließlich im Freien treffen. Mir tut es echt am meisten leid, dass ich so viele Treffen mit Freunden auf “bessere Zeiten” verschoben hab -
    immer in der Hoffnung, dass diese Lockdown-Qualen eh bald vorbei sein würden.

  • Sich auf den eigenen Instinkt verlassen und SELBST entscheiden, wovor man sich am meisten fürchtet. Es ist auch nicht fair, Ärzten
    und Familienmitgliedern die Entscheidung aufzuerlegen, was denn nun für einen selbst richtig oder falsch sein könnte. Für mich war z.B. eine Impfung in der Schwangerschaft gar kein Thema. Das Risiko an Nebenwirkungen wollte ich keinesfalls eingehen und das
    Vertrauen in mein Immunsystem und meine körperliche Robustheit war groß. Andere Frauen konnten so lange nicht ruhig schlafen, bis sie endlich die Impfung erhalten haben.

  • Ein Schwangerschafts-Shooting machen lassen! Fast hätte ich das beim zweiten Mal ausgelassen, aber nun bin ich überglücklich, dassich auch von dieser besonderen Zeit Bilder hab. 

Am Ende zählt, dass man mit seinen Entscheidungen im Reinen ist und dass man sein bestmögliches getan hat, um diese außergewöhnliche Phase im Leben zu genießen und für immer in sein Herz einzuschließen.

(Wer sich von meinem Text überhaupt nicht angesprochen fühlt und vom kompletten Gegenteil überzeugt ist: Ich habe kein Problem damit, mich darauf zu einigen, nicht einer Meinung zu sein. Und dabei belasse ich es auch.)




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